Ein Tierschutzhund zieht ein ....

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RosenRot
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Ein Tierschutzhund zieht ein ....

Beitrag von RosenRot » Mi 23. Jan 2019, 19:10

Jeder Hund, der aus dem Tierschutz (hier von unseren ungarischen Partnerprojekten) kommt, wird dort vor Ort in einer völlig anderen Situation gesehen und beurteilt. Aus diesem Grunde darf man die in den Profilen beschriebenen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen nicht 1 : 1 voraussetzen.

Beispiel: ein Hund macht im Tierheim einen ruhigen und ganz ausgeglichenen Eindruck, aber im neuen Zuhause –etwa in einer lebhaften Familie – könnte es sein, dass er dann unsicher ist -mit entsprechenden und Ihnen vielleicht dann unverständlichen Reaktionen.

Wir haben die möglichen Probleme versucht zusammenzufassen:

1. Unsicherheit des vorhandenen Ersthundes, in dem dieser sein Revier verteidigt (Territorialaggression) bekannte Reaktion der Menschen „ das hat er ja noch nie gemacht“

2. Unsicherheit des neu hinzugekommenen Hundes – das können ebenfalls Territorialansprüche sein, z.B. werden Besucher verbellt, oder am Gartenzaun wird Rabatz gemacht (Briefträger)

3. Viel Bellen im Freien - das wurde z.B. von den ungarischen Hunden größtenteils erwartet, wenn sie bei einer Familie gelebt haben (Bewachung von Haus und Hof)

4. Ängstlichkeit des neuen Hundes – er sucht dann hinter seinen neuen Menschen Schutz und traut sich oft nicht mehr hervor

5. Unsauberkeit – das kann vielfältige Ursachen haben (Markierverhalten, Krankheit, Unsicherheit oder Angst, oder er hat es einfach noch nicht gelernt in seinem bisherigen Leben)

6. Größenwahn des neuen Hundes – das äußert sich z.B. auch durch Verbellen oder Angriffsverhalten gegenüber anderen Hunden

7. Ängste vor Ungewohntem – z.B. vor Treppen, oder durch Türen/Haustüren gehen, vor geschlossenen Räumen (Wohnung, Haus) – die meisten Hunden kennen es nicht

8. Defizite im sozialen Spielen mit Artgenossen (innerartlich) - weil sie meistens viel zu früh von der Mutter und/oder den Geschwistern getrennt werden oder auch mit anderen „Spielkameraden“ (außerartlich) – weil in ihrem bisherigen Leben keiner mit ihnen je gespielt hat

9. Fehlendes Warnen bei Unsicherheit – das kann z.B. eine Angewohnheit durch schlechte Erfahrungen sein

10. Drohverhalten – es ist durchaus ganz normal, wenn ein Hund knurrt! Das Knurren ist erst einmal nur Kommunikation mit seinesgleichen oder auch mit den Menschen – es bedeutet nicht gleichzeitig auch Aggression. Die Botschaft sollte aber verstanden werden: „Bleib weg von mir“
oder „lass mich in Ruhe“. Oberstes Gebot deshalb: einen Hund niemals bedrängen! Auf Kinder achten – niemals mit einem Hund alleine lassen!

11. Futterneid – Hunde aus dem Tierschutz kennen in der Regel keinen eigenen „Besitz“. Deshalb meinen sie alles verteidigen zu müssen, was in Reichweite ist. Das gilt durchaus auch für die neue Familie des Hundes! Deshalb vor allem niemals einen Hund beim Fressen oder auch beim Schlafen stören – besonders Kinder müssen darauf hingewiesen werden!

12. Allgemeines Fressverhalten – rechnen Sie damit, dass Ihr Neuzugang ALLES von der Straße aufnehmen möchte (es könnte ja evtl. was fressbares sein). Viele Tierschutzhunde haben ja auch die leidvolle Erfahrung des Hungerns durchgemacht, und wollen natürlich jetzt alles Erreichbare haben und fressen.

13. Mitleid – ist ein total falscher Ansatz!!! Der neu angekommene Hund darf keinem Familienmitglied leidtun – kein bedauernswertes Betüddeln, sonst kann es sehr bald zu Rangproblemen mit den neuen Besitzern kommen (Rudelführer ist dann der Hund!)

14. Jagdverhalten – ein Hund jagt nicht, weil er es will – sondern er wird durch die „vermeintliche“ Flucht eines anderen Tieres oder Objektes (Ball, Fahrrad, Auto, Jogger, Kinder) animiert, hinterher zujagen! Der Hund hat sein Reiz-Reaktionsschema von der Natur aus so mitbekommen. Deshalb ist hier konsequentes Training (notfalls mit professioneller Hilfe) angesagt.

15. Trennungsangst – ein neuer Hund kann anfangs durchaus Trennungsängste aufweisen. Das äußert sich sehr verschieden, z.B. durch Bellen, Zerkratzen von Türen, Zerstören von Gegenständen, Unsauberkeit etc. Auslöser ist der Stress, der in diesem Moment nicht anders abgebaut werden kann. Man nennt es auch Übersprungshandlungen. Diese Ängste können entweder durch eine zu starke Bindung, aber auch durch Bindungslosigkeit oder noch nicht vorhandene Bindung entstehen. Auch kann der Hund unter gefühltem Kontrollverlust über seine Familie oder die eigene Situation leiden. Diese Situation versucht der Hund durch Kauen zu kompensieren, weil Kauen dem Säugen gleichkommt, und das hat eine beruhigende Wirkung auf den Hund. Es ist also keine böse Reaktion Ihnen gegenüber – keine „Bestrafung“, weil Sie ihren Hund alleine gelassen haben.

16. Allgemeine "Zerstörungswut" – ist keine Verhaltensstörung, sondern der Hund untersucht durch Kauen die Dinge, die ihm unbekannt sind. Es ist also ein artgerechtes sogenanntes Erkundungsverhalten (sehr ähnlich dem eines Kleinkindes, dass alles erst einmal in den Mund steckt und darauf herumkaut oder -lutscht ).

17. Besonderheit bei Rüden – Hypersexualität, sie kann ausgelöst werden durch Unsicherheit, fehlende Rangordnung oder auch Übersprungshandlungen – also bei Stress. Auch bei kastrierten Rüden kann es vorkommen, zum Teil ist es aber einfach auch nur eine schlechte Angewohnheit – durch Erziehung kann diese „Macke“ abtrainiert werden.

18. Besonderheit bei Hündinnen –zum Glück sind Kämpfe unter Hündinnen seltener als unter Rüden. Aber wenn es richtig ernst wird – dann sind sie weitaus gefährlicher (Rüden machen meist nur großes „Getöse“) und es können durchaus Verletzungen entstehen. Es ist also immer eine ernste Angelegenheit, weil es eben vorweg kein lautes Getöse - wie bei den Rüden - gibt, deshalb müssen solche Kämpfe direkt und sofort unterbrochen werden.

19. Last but not least: eine Gesundheits-Garantie – gibt es nicht – und zwar für kein Lebewesen auf dieser Welt!

20. Die vorgenannten Punkte können - müssen aber nicht zutreffen! Auf alle Fälle brauchen Tierschutzhunde drei Dinge, die Sie bereit sein müssen auch zu geben:

Z E I T - G E D U L D und V E R T R A U E N !!!

Wenn Sie sich jetzt trotzdem immer noch sicher sind, dass Sie einem Tierschutz-Hund ein neues, artgerechtes und vor allem liebevolles Zuhause geben möchten, dann können wir Ihnen heute schon versprechen, dass sie nicht nur Freude und Spaß mit Ihrem neuen Familienmitglied haben werden – sie werden auf jeden Fall reichlich mit ganz viel Liebe von Ihrem Vierbeiner beschenkt werden!
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Wer mich wirklich liebt, der liebt auch meine Hunde - ohne wenn und aber...............

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